Kleine Schritte
Auszeichnung:
Literarischer Wettbewerb der Europäischen Kommission
Als wir uns entschieden hatten 2020 die Schweiz zu verlassen und mit unseren Kindern ein Jahr im Wohnwagen zu reisen, wartete Europa, mit seiner ganzen kulturellen und sprachlichen Vielfalt, vor unserer Tür. Die Freunde, welche wir über die Jahre gefunden hatten: Da waren sie alle; jeder mit einem kleinen roten Klebepunkt auf der grossen Europakarte.
Die Wohnung war verkauft, es konnte losgehen.
Dann kam Corona und machte sich breit. So breit, dass wir die Tür nicht mehr öffnen konnten. Der Traum von schönen Museen, kulturellen Stätten, Konzerten, Piazzas und Promenaden aber auch vom Wiedersehen mit alten Freunden, war plötzlich verzerrt und unfassbar.
Niemand fütterte es für eine Weile, so wurde Corona kleiner und die Tür öffnete sich einen Spalt... wir zwängten uns hindurch und machten uns auf die Suche nach dem Europa, dass doch gerade eben noch da war.
Zuerst reisten wir nach Südfrankreich zu Grossmutti und Grossvati. Aber „Bei Ludo essen wir besser nicht...“ und „können wir Jane und John umarmen beim Hallo sagen?“
Weiter ging es nach Norddeutschland. Kein Museum auf dem Weg, dem Eiffelturm winkten wir von weitem zu. „Dürfen wir bei Oma und Opa schlafen?“, “Wir kommen aus einem Risikogebiet...“. „Nein, Job und Johanna in Göteborg können wir leider nicht besuchen“, „Nein, Kopenhagen geht nicht mehr, Deutschland ist jetzt auf der Liste!“.
„Nein, leider können wir bei Liselotte in Dresden doch nicht vorbeifahren.“ Irland? Unmöglich. Die letzte Hoffnung: Italien. Nein, nein, nein, Corona wird wieder jeden Tag fetter...
Und jetzt sitzt es schon wieder vor unserer Tür. Im "confinement" in Südfrankreich lässt es uns nur eine Stunde am Tag raus. Wir träumen von schönen Museen, kulturellen Stätten, Konzerten, Piazzas und Promenaden. Unseren Freunden schreiben wir wie jedes Jahr eine Weihnachtskarte...
Ich sehne mich nach dem Europa, das noch vor einem Jahr vor der Tür auf uns wartete. Ich sehne mich nach Selbstverständlichkeit, Grenzenlosigkeit und nach „Ja, oui, si und yes!“
(November 2020)