(Bild: Warten auf ein besseres Leben im Tierheim Bianca, Portugal)
Reportage: Sie warten auf ihr eigenes Körbchen
Im März 2017 beschloss Portugal ein Gesetzespaket zur Verbesserung der Rechtsstellung von Haustieren. Wie hat sich die Haltung von Hunden und Katzen im westlichsten Land Zentraleuropas seither entwickelt?
Der Besuch in einem Tierheim südlich von Lissabon vermittelt ein ernüchterndes Bild.
April 2022: Das Erste was beim Austeigen auf dem staubigen Parkplatz auffällt, ist das Bellen. Unzählige Hundestimmen, helle und tiefe, sonore und jaulende, mischen sich zu einer Geräuschkulisse, die schon nach wenigen Momenten aufreibt.
Das private Tierheim «Bianca» bei Sesimbra im Bezirk Setúbal befindet sich ausserhalb eines kleinen Weilers umgeben von Landwirtschaft, Wiesen und Pinienbäumen. Vor den unscheinbaren Gebäuden liegt ein Hundetrainingsplatz mit farbig angemalten, alten Autoreifen.
Kommt man zu dem von Hand mit «Entrada» beschrifteten Brett beim Eingang, trifft der zweite Sinneseindruck die Nase.
Es ist ein unangenehmer, süsslicher Geruch, der an das Löwen- oder Affenhaus im Zoo erinnert. Eine eher befremdliche Assoziation für einen Ort, an dem Haustiere untergebracht sind.
Gerade fährt ein Auto auf den Platz und eine junge Frau steigt aus. In den Armen trägt sie ein Fellbündel. Daraus blickt ein struppiges, verdattertes Hundegesicht.
Die Besetzer eines leerstehenden Ferienhauses seien weggegangen, ohne ihren Hund mitzunehmen. Eine Mitarbeiterin habe ihn gerade von dort abgeholt, erklärt uns Ana in fliessendem Englisch.
Ana Duarte, eine eher unauffällige, freundliche Portugiesin gegen Ende Fünfzig, arbeitet seit 20 Jahren für Bianca. Sie hat das Tierheim mitgegründet.
«Seit 20 Jahren habe ich keine Ferien mehr gehabt» sagt sie trocken, ohne dabei Bedauern oder Selbstmitleid zu bekunden.
Das Heim sei sozusagen ihr «Hobby». Nebenbei arbeitet sie woanders, denn die Meisten die hier helfen, tun dies ohne Lohn.
Immerhin arbeitet eine Tierärztin vier Tage pro Woche vor Ort und es gibt sieben weitere angestellte Mitarbeitende.
Angefangen hat Bianca 2004 mit nur zehn Hunden.
Inzwischen leben hier konstant zirka 400 Hunde und 100 Katzen.
Für einen Besucher scheint es eine Unmöglichkeit zu sein, hier den Überblick zu bewahren.
Überall springen aufgeregte Hunde in ihren Zwingern hin und her und an die Gitterzäune, welche die Tiere voneinander und vom Innenhof trennen.
Das unablässige, ohrenbetäubende Gebell geht unter die Haut. Mal ebbt der Geräuschpegel ein wenig ab, dann schwillt er wieder an.
Es erinnert an den Atlantik, der nicht weit von hier mit seinem Wellenschlag unaufhörlich an die Klippen schlägt.
Dieser grosse Aufruhr werde ausgelöst, wenn Besucher oder neue Hunde ankommen, erklärt Ana.
Durchschnittlich werden pro Monat 40 Tiere bei Bianca abgegeben.
Trotz des scheinbaren Chaos hat aber alles hier seine Ordnung. Die Zwinger sind aufgeteilt in Farben und Nummern. Hunde die zueinander passen werden in kleinen Gruppen gehalten.
Ana kennt die Vergangenheit jedes einzelnen Tieres und von den Meisten auch den Namen. Jedes hier hat eine besondere Geschichte. Viele wurden misshandelt oder vernachlässigt, alle wurden von ihren Besitzern im Stich gelassen.
Es gibt dreibeinige und einäugige Gesellen, kleine und grosse, sehr alte und ganz junge, solche die gereizt ihre Zähne fletschen und solche, die still in einer Ecke sitzen.
Die Mitarbeitenden versuchen jeden Hund zu verstehen, damit sie ihm helfen können, vielleicht irgendwann ein passendes Zuhause zu finden.
Bei den Zwingern für die Welpen und Junghunde ist die Stimmung gelöster und hoffnungsvoller. Hier stossen jeweils fünf oder sechs neugierige, samtene Schnauzen an die Gitter. Kleine, weiche und warme Zungen versuchen die hingestreckte Hand zu erreichen. Jeder scheint zu rufen «ich», «ich, «ich». Sie schubsen einander gegenseitig weg, um ein bisschen Kontakt zu erhaschen.
Eine freiwillige Mitarbeiterin sitzt auf einem Stuhl und hält abwechslungsweise verschiedene Welpen im Arm. So werden sie sozialisiert, bevor sie zu ihren neuen Besitzern gehen können.
Die Welpen sind alle bereits vergeben.
Sie werden bald nach Holland, in die Schweiz oder nach Deutschland gebracht.
Wenn möglich werden die Tiere geflogen, damit ihre Reise kurz ist. Sehr grosse Hunde müssen aber mit dem Auto transportiert werden.
Den Stress einer so langen Fahrt mag Ana ihren Schützlingen eigentlich nicht zumuten, sie sage aber jeweils zu sich selbst:
«24 Stunden für ein gutes Leben!»
Sehr wenige Hunde werden in Portugal selbst vermittelt. Viele portugiesische Familien wollen nur einen kleinen herzigen Welpen, bedauert Ana. Wenn sie grösser und nicht mehr so süss seien, würden die Hunde einfach wieder entsorgt.
«Alles ist super an Portugal, nur nicht der Tierschutz» seufzt sie.
Deshalb schaue sie sich die Menschen jeweils sehr gut an, bevor sie eine Adoption gutheisse.
Seit fünf Jahren gelten Haustiere in Portugal nicht mehr als „Ware“ und sie geniessen einen besonderen rechtlichen Schutz.
Auf dem Festland gab es bis 2017 und auf den Azoren sogar bis 2022 sogenannte «Tötungsstationen». Streunende Hunde wurden unter unwürdigen Bedingungen weggesperrt und innerhalb von einer kurzen Frist eingeschläfert, wenn niemand sie abholte.
Seit es verboten ist, gesunde Tiere zu töten, sind die Tierheime noch mehr gefordert. Viele der herrenlosen Vierbeiner kommen von der Strasse, einige haben auch Besitzer: Da Hunde von Rechts wegen gechippt sein müssen, werden sie nicht mehr ausgesetzt, sondern direkt beim Tierheim abgegeben.
Es sei nicht primär ein politisches, sondern vor allem ein kulturelles und gesellschaftliches Problem, meint Ana. Hunde und Katzen seien für viele Portugiesen weiterhin Nutzobjekte.
Dies bestätigt später am Telefon auch Patricia Martins, welche sich im Norden Portugals für den Verein «Tierrettung-Portugal» einsetzt. «Gesetze wurden erstellt aber niemand setzt sie durch», erklärt sie. Alle Heime seien immer noch konstant hoffnungslos überfüllt.
Wir gehen zu einem anliegenden Raum wo die «Spezialfälle» untergebracht sind. Eine Decke gibt etwas Sichtschutz für eine Hundemutter mit vier Welpen. Am Boden liegt verschmierter Hundekot. Ana wischt ihn sofort auf.
In einem anderen Abteil kauern in einer Ecke zwei junge Hunde mit panischem Blick in den Augen. Sie kriechen fast die Wand hoch, um weg von uns zu kommen. Es sind die Welpen einer streunenden Hündin, welche nicht eingefangen werden konnte.
Ana betont, dass alle Tiere in Bianca kastriert werden, sobald sie alt genug sind.
Allgemein sei dies in Portugal aber kaum der Fall, obwohl es sogar Angebote gibt, die Vierbeiner kostenlos kastrieren zu lassen.
Oft sei das Kastrieren von Rüden für männliche Hundebesitzer, insbesondere die der älteren Generation, ein absolutes No-Go, bekräftigt Ana das Klischee.
Auf der anderen Seite des Geländes geht es zum Gebäude, wo die Katzen untergebracht sind.
Der Unterschied in der Stimmung ist verblüffend. Es herrscht absolute Stille und Entspanntheit. Nach den aufwühlenden Eindrücken bei den Hunden ist dies wie Balsam für die Seele.
Ana lacht und meint, dass die Räumlichkeiten der Katzen der «Zen-Bereich» des Heims seien. Hier wird leise geschnurrt, sich gestreckt und geschlafen.
Es gibt eine Abteilung mit kranken Tieren und solchen, die sich von einem Eingriff erholen. Die anderen Vierbeiner die hier verweilen, sind hübsche, gesunde und verspielte Katzen.
Schon bald werden hier wieder 30 bis 40 Frühjahrskätzchen einquartiert, kündigt Ana an, als wir zum Schluss wieder ins Freie treten.
September 2022: Einer der heissesten Sommer der Geschichte Europas geht zu Ende. Anas Stimme tönt abgespannt. Sie berichtet am Telefon, dass zwischen Mai und August 150 Kätzchen bei Bianca abgegeben wurden. Es kommen immer noch neue dazu.
Ana vermutet, dass sich die Tiere wegen dem extremen Klima öfter fortpflanzen als normal, um ihre Existenz zu sichern.
Etwa die Hälfte der Kätzchen haben ein Plätzchen gefunden. Ana macht sich Sorgen um alle anderen. Leute mögen gerne junge Katzen aufnehmen. Sie seufzt: «Wenn sie bis Ende Jahr kein Zuhause haben, wird es sehr schwierig.»
(September 2022)