Meinung!
Glossen, Rezensionen, Kommentare...
Glosse
Meine Freiheit trifft Deine Freiheit
«Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt» lautete bis vor kurzem mein liebstes «Pseudo-Kant-Zitat». So nennt es jedenfalls Gerald Krieghofer, ein Experte für solche Kuckuckszitate.
Kant hat sich zwar im Jahr 1793 mit den Grenzen der rechtlichen Freiheit einer Person in einem aufgeklärten Rechtsstaat auseinandergesetzt. Seine Formel ist jedoch etwas komplexer.
Im Moment spielt sich in den Schweizer Medien ein erbitterter Kampf um eben diese «Freiheit» ab. Da gibt es an beiden Fronten keine Gnade. Die eigene Freiheit wird mit allen Mitteln verteidigt und immer öfter gehen die Schläge auch unter die Gürtellinie.
Die Emotionen und Ängste beider Verfechter der Freiheit sind echt und von existentieller Natur. Die Verzweiflung wächst. Wer wessen Freiheit einschränkt, scheint beiden Fronten klar zu sein. So erlangen sie die einen durch Corona Massnahmen, während die anderen sie durch ebendiese verlieren.
Es wird immer enger in der Schweiz. Nun hat die Pandemie, das bisweilen beklemmende Gefühl von zu wenig Raum noch spürbarer gemacht. Der Spielraum von individuellen Freiheiten ist sehr schnell ausgereizt.
Vor allem auf den sozialen Medien, wo zuweilen noch unlimitierte Freiheit herrscht, kann sich jeder zum guten Glück noch ungehemmt austoben.
Es wird mit Wörtern wie «Diktatur» und «Apartheit» herumgeschmissen und vielleicht kommt auch schon bald Wilhelm Tell ins Spiel. So ernst steht es im Moment um die Freiheit in der Schweiz.
Alle haben auch immer noch die Freiheit, sich jeweils dort zu informieren, wo ihre eigene Meinung bestätigt wird. Aber drangsalieren sie mit den Folgen von dieser Art der Wissensbeschaffung und Meinungsbildung die Freiheit der anderen? Beide Lager schreien ein lautes «JA»!
Verschärft wird das Ganze durch die internationale Dimension dieser freiheitsberaubenden Pandemie.
Aus der Ferne betrachtet, macht es zwar manchmal den Anschein, als beherberge die Schweiz ein eigenes kleines Virus, welches sich nach den Regeln des schweizerischem Rechtsstaats und dazu noch von Kanton zu Kanton unterschiedlich verhält. Dem ist leider nicht so. Es wird also immer haariger mit der Freiheit; mit der eigenen und der der Anderen und mit der Frage, wo diese nun anfangen oder aufhören soll.
Deshalb muss ich Kant recht geben. Nicht für das Zitat, welches er nie so geäussert hat, sondern für die Einschätzung seiner eignen Formel: "Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis".
(September 2021)
Kommentar
Droht die Akademisierung des Hebammenberufs?
In der Schweiz erhielten in den letzten Tagen die ersten Hebammen ein Masterdiplom. So berichtet dies das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) auf seiner Website.
Obwohl der Report durchaus positiv ist, wird unter dem Titelbild die Frage in den Raum gestellt, ob dies nun zu einer „Akademisierung“ des Hebammenberufes führen würde?
Wenn man die Leserkommentare zum Beitrag liest, kann man die Aussage von Eva Cignacco (Leiterin des Masterstudiengangs für Hebammen) gut nachvollziehen, dass die Bedrohung einer Akademisierung nur bei Frauenberufen laut würde.
Es sind Männer, die Äusserungen machen wie: „Mir ist wichtig, dass speziell die Hebammen ihren Beruf mit Liebe und Hingabe ausüben“ oder „mit solchen Abschlüssen steigert man nur die Erwartungshaltung für bessere Bezahlung“.
Eine Geburt, und damit meine ich den physischen Geburtsprozess, ist eines der prägendsten Lebensereignisse überhaupt für eine Frau.
So wie eine Geburt für manche der grossartigste Moment des Lebens ist, kann sie für andere eine schwer traumatisierende Erfahrung sein. Entscheidungen, welche Hebammen und Ärzte in Sekunden treffen, können für das weitere Leben von Mutter und Kind tiefgreifende Folgen haben.
Hebammen im Gesundheitssystem zu haben, welche sich akademisch mit dem Geburtsprozess aber auch mit den Erfahrungen und Empfindungen werdender Mütter auseinandersetzen, ist kein Luxus. Es gibt auch keinen plausiblen Grund, warum eine Hebamme mit MA-Abschluss ihre Arbeit mit weniger Liebe oder Hingabe ausüben sollte.
Die Qualität von pflegenden und helfenden Berufen ist massstäblich davon abhängig, dass Forschung und Praxis Hand in Hand arbeiten. Es ist höchste Zeit, dass diese Berufe in ihrer fundamentalen Wichtigkeit für die Gesellschaft erkannt und somit gerne auch besser erforscht und bezahlt werden.
Eine Geburt wird immer ein einmaliges und für Eltern weltbewegendes Ereignis bleiben. Eine Akademisierung angesichts von Blut, Rotz, Grenzerfahrungen und überwältigenden Emotionen wird nie passieren.
(November 2020)
Rezension
„Becoming You“: eine farbenfrohe Weltreise durch die frühkindliche Entwicklung
Apple TV+ hat mit „Becoming You“ eine neue Dokumentarreihe herausgebracht, welche sich den ersten 2000 Tagen im Leben von Menschen widmet. Über zwei Jahre lang wurden dafür 100 Babys und Kinder auf der ganzen Welt gefilmt. Die Serie zeigt Ausschnitte aus deren Alltag von Geburt bis zum Alter von fünf Jahren. Sie beschäftigt sich in sechs vierzigminütigen Folgen mit den Themen: „Wer bin ich?“, „Bewegung“, „Freunde“, „Emotionen“, „Sprechen“ und „Denken“.
„Becoming You“ ermöglicht einen Blick auf die natürliche und gesunde Entwicklung von Kindern weltweit. Die Folgen zeigen unterschiedliche Fertigkeiten, die uns als Spezies von Tieren abheben. Sie vermitteln auf beeindruckende Weise die intrinsische Motivation jedes Kindes seine Fähigkeiten zu erweitern, um an der Gemeinschaft teilzuhaben. Dies ganz egal in welcher Kultur es aufwächst.
Die Inszenierung wurde für die grosse Leinwand geschaffen und die Geschichten werden mit eindrücklichen Landschaften und Stimmungsbildern umrahmt. Die Reise geht unter anderem nach London, Nepal, Tokio, Borneo, Südafrika oder in ein Flüchtlingslager in Jordanien.
Die Produzenten greifen bei der Erzählung auf Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie zurück. Auf subtile Weise beschwichtigen sie so auch mögliche Besorgnisse von Eltern. Es ist zum Beispiel völlig normal, wenn ein dreijähriger Junge gerne Prinzessinnenkleidchen trägt oder wenn ein Kind einen imaginären Freund hat. Auch die Fähigkeit lügen zu können, dient einer gesunden Entwicklung. Die Kinder vor der Kamera werden von Ihren Eltern und Bezugspersonen mit viel Wertschätzung wahrgenommen und begleitet.
Kleine Kinder aus anderen Kulturen überraschen zum Teil mit Kompetenzen welche ihnen in der westlichen Welt niemals zugestanden würden. So ist zum Beispiel ein Dreijähriger in Borneo alleine mit seinem Boot auf dem Meer unterwegs.
Die Dokumentation ist mit einer sogenannten „Fixed Rig“ Technik gefilmt, was bedeutet, dass die Aufnahmen mit vielen fest installierten Kameras und Mikrofonen gedreht wurden. Dies unterstützt ein natürlicheres Verhalten vor der Linse, da oft keine Kameracrew präsent ist. Die Entwicklungsmeilensteine der Protagonisten wirken dadurch authentisch und bisweilen auch sehr rührend.
Als Erzählerin wurde die bekannte Britische Schauspielerin Olivia Colman (The Crown) engagiert. Mit ihrer weichen und angenehmen Stimme verleiht sie dem Ganzen eine fröhlich besonnene Note. Wer kein Englisch versteht, kann deutsche Untertitel einschalten.
Aus der Fülle des Materials eine stimmige Auswahl zu treffen war vermutlich eine Herausforderung für das Produktionsteam. Da so viele Kinder vorgestellt werden, wirken manche Geschichten etwas kurz abgehandelt. Dies steht im Gegensatz zu einigen eher langatmigen Szenen. Gewisse Protagonisten erhalten dadurch wenig Raum im Vergleich zu anderen. Die Darstellungen erwecken den Wunsch, mehr über einzelne Kinder und ihr Leben zu erfahren.
Es lohnt sich diese Dokumentarreihe zu schauen, insbesondere für Eltern aber durchaus nicht nur. Die Inszenierungen und Porträts sind eine wahre Augenweide und die Botschaft ist ermutigend und lebensbejahend: Jedes Kind ist ein kleines Wunder, welches durch seine archetypischen Entwicklungsschritte die Errungenschaften der gesamten Menschheit widerspiegelt.
„Becoming You“ wurde mit den Exekutivdirektoren Leanne Klein and Hamo Forsyth von „Wall to Wall Media“ (London) produziert. Die Serie wird seit dem 13. November 2020, auf Apple TV+ gestreamt.
(November 2020)
Glosse
Das Modewunder, welches 2020 hervorbrachte
In den letzten 20 Jahren haben wir punkto Mode nichts Neues gesehen. So haben die Nullerjahre kaum etwas Originelles hervorgebracht. Auch der Stil der 2010er war nichts als ein Revival-Mischmasch früherer Jahrzehnte.
Umso mehr freuen sich Fashionistas, dass im 2020 endlich wieder etwas wirklich Ausgefallenes am Modehimmel erschienen ist. Sozusagen die grösste Neuheit seit den Schulterpolstern der 80er oder den Schlaghosen der 60er.
Das Erstaunlichste an diesem Accessoire ist, dass es sich in allen sozialen Schichten, religiösen Gemeinschaften und Altersgruppen durchgesetzt hat. Keiner, so scheint es, wollte diesen Trend verpassen! Selbst in Schulen wird es nicht verboten. Ganz im Gegenteil, sogar Lehrer tragen es...
Dabei hätte man vor ein paar Jahren die Trägerin oder den Träger eines solchen Teils etwas bemitleidend angelächelt und insgeheim den Kopf geschüttelt. Vielleicht wäre man auch leicht verunsichert gewesen. Wie damals in den 70ern beim Anblick eines Irokesenschnitts. Was will der damit sagen? Man hätte sich provoziert gefühlt.
Aber dieses Jahr trugen es alle. Und zwar weltweit!
Es gibt natürlich kleine Unterschiede im „how to wear“. Da sind zum Beispiel verschiedene Designs: Politiker tragen meist ein hochgeschnittenes, in feinem, dunklen Stoff. Selbstgenähte werden weitgehend bei der umweltbewussten Mittelklasse gesehen. Es gibt Einwegteile, ausgefallene Luxusmodelle mit Spitzen (Hochzeit 2020!) oder bunte in diversen Farben und mit lustigen Mustern.
Auch beim Tragen gibt es verschiedene Statements: Klassisch formal, unter dem Kinn, unter der Nase, am Ohr hängend oder leger am Handgelenk... Die These ist: Hauptsache es wird gesehen!
Es gibt selbstverständlich auch Leute, die bei diesem Modetrend nicht mitmachen wollen und sich weigern eins zu tragen.
Da es aber in den meisten Ländern verboten ist, entblösst in die Öffentlichkeit zu treten, werden solche „Flitzer“ dann meist gebüsst oder angezeigt.
Wie mit vielen anderen Modetrends z.B. spandex Leggins, Bodys (zu umständlich zum pinkeln!), oder „low rise“ bzw. „high rise“ Jeans, ist man irgendwann froh, wenn diese wieder verschwinden. Sei es nun aus Gründen der Ästhetik oder der Bequemlichkeit.
Hoffen wir also auch bei diesem Teil, dass, wenn der Hype einmal vorbei ist, ein Revival so richtig lange auf sich warten lässt!
(Dezember 2020)