Porträt: Die schönste Welle kennt kein Geschlecht
Ihren Platz in der Brandung behauptet sie mit Selbstverständlichkeit, gleichzeitig paddelt sie gegen anhaltende Unterströmungen von Ignoranz und Sexismus.
Constança Filipe ist 20 Jahre alt, Longboard Surferin und Surflehrerin in Ericeira, Portugal.
Sie kommt ein paar Minuten später als verabredet und entschuldigt sich ausführlich.
Ein Kind habe im Surfunterricht das Brett an den Kopf gekriegt.
«Alle wollten unbedingt eine allerletzte Welle erwischen!», berichtet sie, dann sei der Unfall passiert. Sie musste noch mit dem Jungen auf die Ambulanz warten.
Der Treffpunkt ist das «Boardriders» in Ericeira: Laden, Café, Bar, Skatepark, Musikbühne und Versammlungsort für Skater, Surfer und Menschen jeglichen Alters welche hier die entspannte Atmosphäre geniessen.
Seit die Küste um Ericeira 2011 zum ersten «World Surfing Reserve» in Europa ernannt wurde, erlebt das kleine Fischerdörfchen einen riesigen Boom im Surftourismus. Die Auszeichnung soll zur Erhaltung von Brandungszonen beitragen, indem ökologische, kulturelle und wirtschaftliche Aspekte eines Surfreviers anerkannt und geschützt werden.
Constaça Filipe hat auffallend strahlend blaue Augen und lange, dunkelblonde Haare, die vom Surfunterricht noch feucht sind. Im Gesicht kleben Reste eines dicken Sonnenblockers.
Ihre anfängliche, höfliche Zurückhaltung fällt bald weg und die junge Frau erzählt mit sprudelnder Ausgelassenheit über ihr Leben.
Constança wächst mit ihren zwei Brüdern in Lissabon auf, beide Eltern arbeiten als Psychiater. Surfen war nie ein Familiensport.
Erst kürzlich habe ihr Vater mit über sechzig Jahren, bei ihr seine erste Surfstunde genommen. «Er schaffte es sogar, auf dem Brett aufzustehen!», erzählt sie mit Stolz.
Heute lebt Constança südlich von Ericeira im Haus ihrer Urgrosseltern. Es ist ein altes pittoreskes Fischerhaus mit Blick über den Atlantik, direkt auf der Klippe bei Praia São Julião.
Schon als Kind besucht Constança Ericieira so oft wie möglich.
Sie liebt es, am Strand zu stehen und die Surfer in den Wellen zu beobachten. Damals surfen hier nur «Locais», die Ortsansässigen.
Mit zwölf Jahren steht Constança zum ersten Mal selber auf ein Brett und ist sofort begeistert.
Zuvor hatte sie so viele Sportarten angefangen und wieder aufgehört, dass ihre Eltern vorerst skeptisch sind. «Es ist ein teurer Sport und damals gab es noch nicht so viele Surfschulen», erklärt sie.
Constança erzählt vergnügt, wie ihre Mutter sie schliesslich eines Tages von der Schule abholt und unter dem Vorwand noch einen Hausbesuch machen zu müssen, als Überraschung zur Surfschule fährt.
Sie entscheidet sich, Longboards zu surfen. Diese Disziplin ist nah verwandt mit dem traditionellen Surfen, das seinen Anfang vor über tausend Jahren in Polynesien hat.
Damals war das Wellenreiten ein wichtiger spiritueller und kultureller Bestandteil der gesamten Gesellschaft. Von polynesischen Seefahrern wird es Anfang 18. Jahrhundert nach Hawaii gebracht.
Christliche Missionare die im 19. Jahrhundert aus den USA nach Hawaii kommen, empören sich über die Nacktheit der Wellenreiter und darüber, dass Männer und Frauen gemeinsam surfen. Also wird das Wellenreiten unterdrückt, bis die Gründung des ersten hawaiischen Surfclubs 1908 eine neue Ära des Surfens einleitet.
Bis heute haben Frauen aber nicht mehr dieselbe, gleichgestellte Rolle auf den Brettern wie ursprünglich.
Wer auf die Bucht von Matadouro schaut, sieht eine der besten Surfbuchten für Anfänger in Ericeira. Dort tummeln sich Menschen jeden Alters mit ihren Surfbrettern in den Wellen und es hat mindestens so viele Surfschülerinnen wie Surfschüler. Wer jedoch eine Surflehrerin sucht, wird auf den ersten Blick nicht fündig.
Dass so viele Mädchen surfen ist neu, meint Constança. Sie kenne ausser sich nur vier weitere Surflehrerinnen und dies, obwohl es in Ericeira inzwischen etwa 50 Surfschulen gibt.
Constança gewöhnt sich schon als Jugendliche daran, als Mädchen in der Minderheit zu sein. Mit 15 beginnt sie, mit einem professionellen Surfcoach zu trainieren. Bei ihrer Disziplin stossen damals bei den lokalen gemischten Wettkämpfen jeweils etwa zwei Mädchen auf zehn Jungs.
Ihre Empörung ist spürbar gross, als sie erzählt, wie bei nationalen Wettkämpfen die Männer immer das Vorrecht auf den besten Wellengang hatten.
Surfer haben genau 30 Minuten Zeit im Wasser und die zwei besten Wellenritte zählen: «Manchmal waren für mich schlicht keine Wellen mehr da, um den Wettkampf erfolgreich zu bestehen» bedauert sie. Diese Ungerechtigkeit setzt sich teilweise bis heute fort.
Die ungleiche Behandlung von Surferinnen geht aber viel weiter. Zum Beispiel durften erst Ende Januar 2022 die ersten weiblichen Surfer an der Billabong Pro Pipeline in Hawaii teilnehmen. Diese ikonischen Wellen gelten als die schönsten aber auch die gefährlichsten weltweit. Frauen waren bisher davon ausgeschlossen, zu ihrem eigenen Schutz.
Constança erzählt, dass sogar Männer aus ihrem näheren Umfeld vorerst nicht verstanden haben, was daran falsch sein soll. Andererseits hätten auch sehr viele Männer die Proteste der Frauen unterstützt.
Sehr lange haben Brands, welche professionelle Wellenreiter sponsern, Frauen objektifiziert. Der Unmut ist auf Constanças Gesicht geschrieben, als es um das Image von Frauen im Surfsport geht. «Die Bilder zeigen gute Surfer in coolen Tunnelwellen und hübsche Frauen in Bikinis», meint sie trocken.
Zum Glück ändere sich dies. Heute gebe es Brands, welche diverse Frauenkörper zeigen. Man sehe jetzt Fotos von guten Surferinnen und dies auch, wenn ihre Körper nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen.
Lara Hoffman arbeitet beim Empfang im Surfcenter, wo Constança Surflehrerin ist. Sie kennt die Kultur gut und teilt die Ansicht, dass die sexualisierte Darstellung von Surferinnen vor allem durch die Werbeindustrie verbreitet wird.
Zumindest sieht sie in ihren eigenen Kollegen keine Machos. Sie fühlt sich als Frau ebenbürtig und mit Respekt behandelt. «Der Surflehrer, welcher sich die hübschen Mädchen für seine Gruppe auswählte, hat hier nicht lange gearbeitet!» erzählt sie.
Auch Constança berichtet, dass sie in ihrem Alltag als Surflehrerin kaum sexistische Aussagen oder Handlungen ertragen zu muss. Sie erinnert sich aber an einen Vorfall, wo ein Kollege ihr die Gruppengrösse nicht zutraute und selber mehr Schüler nehmen wollte.
Über die letzten paar Jahre erlitt Constança einige Rückschläge, was das professionelle Surfen anbelangt.
Mit 16 wird sie von einem Auto angefahren und trägt mittelschwere Verletzungen davon. Zwei Jahre später wirft ein verpfuschter medizinischer Eingriff sie monatelang aus der Bahn.
Wegen Corona finden 2021 keine Wettkämpfe statt.
Im Unterrichten von Kindern hat sie inzwischen eine Berufung gefunden.
Es gebe ihr ein Glücksgefühl zu beobachten, wie Kinder an den Wellen wachsen, sagt Constança. Dabei geht es um Körpergefühl, Balance, Mut und Respekt für die Natur. Fähigkeiten, die ihr bei vielen Mädchen und Jungs fehlen, wenn sie mit dem Surfunterricht anfangen.
Constança hat Ziele für die Zukunft. Eines ist, wieder an Wettkämpfen teilzunehmen. Vor allem aber will sie ihre Ausbildung als Surfcoach bis zum höchsten Niveau abschliessen und ihre eigene Surfschule gründen. Eine die besonders Mädchen fördert.
(Oktober 2022)
Porträt: Die Ohren sind das Tor zur Seele
Der Hörgeräteakustiker Christoph Schwob widmet sich seit vielen Jahren der Begleitung von Kindern mit einer Hörbeeinträchtigung. Ein Porträt über einen Mann, der im Verbinden von Technologie, Handwerk und Empathie seine Berufung gefunden hat.
Ein freundlicher Empfang
Betritt Christoph Schwob das Arbeitszimmer, verlässt jede Anspannung bald den Raum.
In seiner Ausstrahlung mischt sich eine jungenhafte Verschmitztheit mit reifer Autorität; man fühlt sich ernst genommen, dennoch bleibt die Stimmung leicht.
Sein Hemd trägt Schwob locker über der Chinohose, die gewellten Haare etwas länger. Eine Wayfarer Brille nimmt im Rahmen die Brauntöne der Augen und Haare auf. Die 59 Jahre verraten vor allem Lachfältchen, welche in feinen Linien bis zum Haaransatz und zu den Wangen hinunter verlaufen.
Währenddem sich Schwob mit Interesse den verschiedensten Gesprächsthemen widmet, geschieht das Handwerkliche nahezu beiläufig. Er hantiert mit Kleinstteilen, macht Messungen und programmiert die Hörgeräte.
Die lockere Unterhaltung ist Teil der Beratung; sie unterstützt ihn dabei, die Wirkung der vorgenommenen Einstellungen zu überprüfen.
Er sei sehr sprachaffin, meint Schwob und wechselt von einem ausgeprägten Baselbieter zu einem Bündner Dialekt. Sitzt jemand aus der Stadt vor ihm, spricht er gerne auch ein breites «Baseldytsch».
Von der Kuh auf das Ohr gekommen
Schwob wächst in Pratteln auf, einer grossen Baselbieter Gemeinde, die in der Nähe von Basel an den Rhein grenzt. Seit Beginn der Ausbildung als Hörgeräteakustiker vor 39 Jahren liegt jedoch sein Arbeitsmittelpunkt in Basel.
Hinter dem Schreibtisch an der Wand hängt ein grosses schwarzweisses Foto mit Blick über den Rhein auf die Grossbasler Altstadt. Die Hörberatung Basel befindet sich in einem alten Haus am Nadelberg, Teil eines beliebten Altbasler Quartiers. Nur wenige Schritte trennen sie vom Rheinufer und dem Stadtzentrum.
Eigentlich möchte der junge Christoph Schwob Veterinärmediziner werden. Ende des langen Studiums wird ihm aber ein Arbeitsumfeld prognostiziert, wo es zu viele Grosstierärzte gibt. «Ich wollte nicht Kanarienvogel und Büsi Tierarzt sein, sondern mit Kühen arbeiten» meint er. Nach der Matura am Gymnasium Liestal orientiert er sich deshalb anderweitig.
Als Hobby baut er damals Marionetten. Eine ältere Freundin mit der gleichen Freizeitbeschäftigung ist Optikerin. Sie weiss, dass er gerne mit feinen Dingen wie Fäden und Schräubchen arbeitet und empfiehlt ihm ihren Beruf.
Eine Schnupperlehre kann ihn jedoch nicht dafür begeistern. Die Branche ist ihm zu modeorientiert und zu wenig handwerklich. Unter Listen von verwandten Berufen findet er das Profil für Hörgeräteakustiker und ein Kurzpraktikum überzeugt ihn schliesslich davon, sein Metier gefunden zu haben. So beginnt er 1983 seine Ausbildung.
Heute ist Schwob Geschäftsführer eines Kleinunternehmens mit acht Angestellten, welches über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt ist. Er ist Hörberater für Erwachsene und Kinderhörgeräteakustiker.
Teil einer hörenden Welt
Der Unterschied zwischen der Arbeit mit Kindern und Erwachsenen ist für ihn ganz klar.
Die meisten Erwachsenen haben einmal gehört und kennen ein Leben ohne diesen Verlust. Ihnen versucht er, etwas zurückzugeben.
Ein taubes Kind kennt nichts anderes. Es kommt so auf die Welt und empfindet dies vorerst nicht als Defizit. Eigentlich sei es ein philosophischer Diskurs, meint Schwob: «Wir als Gesellschaft sagen, wir hören und das ist richtig. So probieren wir, Kinder in diese hörende Welt zu integrieren».
Eine häufige Sinnesstörung
Laut einem Bericht des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) von 2022 sind Hörbehinderungen die häufigste angeborene Sinnesstörung. Sie betreffen im mitteleuropäischen Raum ein bis zwei Neugeborene pro 1000 Lebendgeburten. Insgesamt sind in der Schweiz 8,4 Prozent der über 15-Jährigen hörbeeinträchtigt. Ab dem Alter von 75 sind es rund ein Drittel.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt in ihrem Bericht über das Hören von 2021, dass aktuell über eine Milliarde junger Erwachsenen weltweit gefährdet sind, einen dauerhaften Hörverlust zu erleiden.
Dass es heute in der Schweiz mehr Jugendliche mit Hörbeeinträchtigungen gibt, könne man aber nicht generell sagen, meint Schwob. Die Diagnostik sei besser, deshalb würden mehr Schwerhörigkeiten erkannt und behandelt. Technisch nehme der Jugendschutz sogar zu, zum Beispiel durch Kopfhörer mit Limiter. Lärmschwerhörigkeiten durch zu laute Musik seien möglich, meist müssten diese jedoch noch nicht im Jugendalter behandelt werden.
Die Entstehung der Pädakustik
Als Schwob seinen Beruf lernt, gibt es noch keine spezielle Ausbildung für die Arbeit mit Kindern. Ab den 80er Jahren entstehen private Initiativen von Klinken und Herstellern von Hörgeräten, die sich durch Workshops und Weiterbildungstage für eine Professionalisierung der Beratung einsetzen.
Christoph Schwob beteiligt sich aktiv an der Entstehung einer Pädakustik Weiterbildung für die DACH-Region Deutschland, Österreich und Schweiz. Der erste anerkannte Lehrgang wird in der Schweiz 2003 durchgeführt.
Heute bietet die Akademie für Hörakustik in Lübeck, Deutschland die Ausbildung an.
Um Pädakustiker zu werden, braucht es eine Meisterprüfung als Hörgeräteakustiker und mindestens drei Jahre Berufserfahrung.
Für Schweizer Absolventen nimmt Schwob die Prüfungen ab. Dabei kritisiert er, dass heute zu wenig Fokus auf die Kommunikation gesetzt werde.
Manche Abgänger können zwar technisch alles richtig machen, er würde sie aber nie einstellen, weil die Interaktion mit den Klienten nicht stattfinde. «Das Kind muss im Mittelpunkt sein!», insistiert er.
Elternarbeit im Zentrum
Schwob erklärt, dass sich im Wort Pädakustik nicht nur das Kind versteckt, sondern auch die Pädagogik. Wenn zum Beispiel ein Kleinkind nicht einsehe, warum es Hörgeräte tragen sollte, sei die Beratung nur zu wenigen Prozenten technisch.
Wird ihm ein Säugling zugewiesen, arbeitet Schwob hauptsächlich mit den Eltern. Ohrabguss nehmen und Hörgeräte einstellen sei der handwerkliche Teil, das andere sei die Arbeit mit der Trauer. «Eltern hatten das freudige Ereignis einer Geburt und dann kommt der Moment der Schwerhörigkeit!». Er versuche Eltern zu vermitteln, dass dies nicht das Ende, sondern der Anfang sei.
Ein gesunder Fötus beginnt im Bauch ab dem dritten Monat an zu hören. Wenn also ein Baby mit einer Hörbeeinträchtigung mit fünf Monaten zur Hörberatung kommt, hat es fast ein Jahr Gehörentwicklung aufzuholen.
Schwob erklärt, dass es oft darum gehe, Eltern zu ermutigen mit den Babys und Kindern zu sprechen, auch wenn sie nichts hören und auf andere Zeichen reagieren.
Grössere Kinder sollen von den Eltern mit Aufmerksamkeiten wie Geschichten erzählen oder singen belohnt werden, wenn sie ihre Hörgeräte tragen.
Dshamilja Bergsma ist im Vorstand der Schweizerischen Vereinigung der Eltern hörgeschädigter Kinder SVEHK in Basel. Ihr Sohn wurde im Alter von einem Jahr als gehörlos diagnostiziert und Christoph Schwob betreute die ersten pädakustischen Abklärungen. Bergsma mochte die Art, wie er auf ihren Sohn zugegangen ist. «Er ist toll mit Kindern!», findet sie. Auf ihre kritischen Fragen zur Behandlung sei er empathisch, differenziert und mit grossem Fachwissen eingegangen. Auch auf ihre Zweifel darüber, den Jungen aus seiner Stille herauszuholen.
Ein offenes Ohr für verrückte Anliegen
In der Begleitung von Kindern mit einer Hörbeeinträchtigung sind drei verschiedene Berufsgruppen involviert: die HNO-Medizin mit der Diagnostik, der Akustiker mit der Technik und die Audiopädagogik für die pädagogische Begleitung der Kinder.
Mirjam Stritt, Leiterin des Audiopädagogischen Dienstes GSR für die Region Basel und Yael Gilgen-Anner, HNO-Ärztin, arbeiten beide seit über 20 Jahren mit Christoph Schwob und stehen in regelmässigem Austausch mit ihm.
Gilgen-Anner beschreibt die enge Zusammenarbeit mit ihm als sehr konstruktiv. «Er ist extrem engagiert» findet sie. Beide heben hervor, dass Schwob sich jedes Kindes individuell annehme und stets nach den besten Lösungen suche. «Er hat immer ein offenes Ohr für die verrücktesten Anliegen», erzählt Stritt.
Mit Geduld und Flexibilität
Früher arbeitete Schwob regelmässig an der Gehörlosen- und Sprachheilschule Riehen GSR. Dort betreute er jedes Kind technisch vor Ort.
Seit der Aufhebung vieler Sonderschulen zu Gunsten der Inklusion kommen Kinder in ihrer Freizeit bei ihm vorbei. Da oft beide Eltern arbeiten, muss Schwob auch Rückmeldungen bei Grosseltern, Kitas oder Nannies einholen, wenn er wissen will, wie ein Kind zurechtkommt.
«Herr Schwob ist für uns die Geduld und Flexibilität in Person», sagt Mirjam Stritt. Er arbeite mit den immer wieder wechselnden Audiopädagoginnen oder Fachpersonen genauso eng zusammen wie mit den Eltern verschiedenster Bildungsschichten und Kulturen.
Als Beispiel einer ungewöhnlichen Situation erzählt Schwob von einer Familie, in deren Herkunftskultur die Schuld für die Behinderung des Kindes bei der Mutter gesehen wird. In dieser schambelasteten Situation trug das Kind nie Hörgeräte, wenn die Grosseltern zu Besuch waren.
Eine konstante Bezugsperson
Da Hörgeräte eine Lebensdauer von fünf bis sechs Jahren haben, sieht Christoph Schwob Kinder bis ins Erwachsenenalter immer wieder und bleibt so als Akustiker eine konstante Bezugsperson. Hörbeeinträchtigungen haben eine genetische Komponente. Kinder von damals kommen heute als Eltern mit ihren eigenen Söhnen und Töchtern zu ihm.
Ein Familienbetrieb
Schwob wird selber bereits mit 21 Jahren zum ersten Mal Vater. Etwas, dass er sehr positiv sieht. Die jugendliche Energie habe ihm und seiner Frau geholfen, entspannt an die Erziehung heranzugehen, ohne zu viel darüber nachzudenken.
Seine drei Kinder wachsen in Muttenz auf. In der Gemeinde, welche östlich an die Stadt Basel grenzt, haben sie am Waldrand beinahe einen eigenen Streichelzoo. Hängebauchschweine, Zwergziegen, Hühner und zu gewissen Zeiten über hundert Meerschweinchen dienen als Kompensation für den Tierarzt, der er nicht geworden ist.
Als die Kinder ausfliegen, geben er und seine Frau das Familienhaus auf und ziehen nach Basel. Die Basset Hündin Wilma bleibt als Haustier und erweitertes Familienmitglied.
Inzwischen hat Christoph Schwob vier Grosskinder. Seine Tochter ist Juristin geworden, die beiden Söhne arbeiten an seiner Seite in der Hörberatung.
Er habe nie versucht, sie zu überreden, Teil eines Familienunternehmens zu werden. «Wenn man mich fragen würde, wie man seine Kinder dazu bringen kann, in die eigene Firma einzusteigen, würde ich sagen: Nichts!». Man müsse es einfach selber toll finden.
Schwob hat eine grosse Faszination für das Gehör und alles, was damit möglich ist: Einerseits mit den technischen Hilfestellungen, anderseits mit dem, was das Gehirn daraus macht.
Die Ohren sind das Tor zur Seele
«Joachim Ernst Berendt hat schlaue Sachen über das Ohr gesagt» meint er. Dieser war ein deutscher Musikjournalist und -produzent. Von ihm kommt die Aussage: «Die Augen sind der Spiegel - die Ohren sind das Tor zur Seele».
Die Welt ist Klang, sagt Schwob und malt die Sinndeutung Berendts weiter aus: «Das Gehör ist immer wach, auch wenn das Auge schläft». Schon vor Zehntausenden Jahren haben sich die Menschen in den Höhlen auf ihr Gehör verlassen, wenn sie schliefen.
Eine unsichtbare Behinderung
Eine gross angelegte Metastudie „Hearing Loss – Numbers and Costs” der Brunel University London beschäftigt sich 2018 mit der Häufigkeit und den Folgen von Schwerhörigkeit sowie der Nutzung und den Vorteilen von Hörgeräten. Unbehandelte Hörbeeinträchtigungen können eine Reihe von körperlichen, geistigen und sozialen Konsequenzen haben.Dazu gehören Depression, Einsamkeit und soziale Isolation.
Tedros Adhanom Ghebreyesus, der Generaldirektor der WHO sagt, dass oft vom Gehörverlust als unsichtbare Behinderung gesprochen werde. Nicht wegen der fehlenden Sichtbarkeit der Symptome, sondern weil sie lange durch die Gesellschaft stigmatisiert und von der Politik ignoriert wurde.
Wege aus der Isolation
Dies ist auch ein Motiv, welches Schwob damals bewegt, sein Geschäft mitten in die Basler Altstadt zu setzen. Die Hörberatung soll ein sichtbarer Ort sein. Ein riesiges rotes Kunststoffohr hängt neben dem Eingang. Daran ist ein Kopfhörer angebracht, wo Passanten kostenlos einen schnellen Hörtest machen können.
Einen Grund für die soziale Isolation von Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung sieht Schwob im fehlenden Zugang zu den Emotionen in der menschlichen Stimme. Ein sehr grosser Teil der Kommunikation liegt in der Tonalität. Es seien die Grautöne, welche nicht immer wahrgenommen werden können.
Dazu kommt, dass der Wortschatz der Gebärdensprache beschränkt ist, was manch eine differenzierte Unterhaltung erschwert. Als Beispiel gibt Schwob den Genderdiskurs. Es gibt Zeichen für Mann und Frau als Geschlechterzuordnung. Mit einem schwerhörigen Kind über ein Konzept wie «non-binär» zu sprechen, sei gar nicht so einfach.
Die Angst vor dem Stigma einer Hörbeeinträchtigung scheint hauptsächlich bei den Erwachsenen zu liegen. Schwob beobachtet, dass Kinder sich gerne schön farbige Hörgeräte aussuchen. Es seien eher Eltern, welche die Farbe der Haare vorschlagen.
Für Kleinkinder müssen sie weiterhin robust sein, allgemein sind Hörgeräte aber heute sehr filigran und kaum sichtbar.
Die Entwicklung der Technik
Schwob sieht viel Positives in der Entwicklung der Technik. Wenn früher ein Kind in einem Internat für Schwerhörige beschult wurde, hatte es keine Möglichkeit, mit seinen Eltern in Kontakt zu sein. Über Video Streaming ist es möglich, die Eltern zu sehen und durch Lippenlesen zu verstehen.
Neue Technologien bringen auch Vorteile für Jugendliche. Sie können zum Beispiel ihre Hörgeräte direkt mit dem Smartphone verbinden und darüber Musik hören. So werden diese zu Accessoires, welche Andere sogar beneiden.
Im Herzen ein Handwerker
Das Digitale ersetzt zunehmend das Handwerkliche. Ein Abguss wird heute digital abgemessen und mit dem 3D Drucker hergestellt. Ein Trend, der nicht unbedingt der eigenen Veranlagung entspricht, welche Schwob eher im Handwerklichen sieht.
In seinem Atelier auf dem Land, wo er die Wochenenden verbringt, macht er Skulpturen aus Altmetall. Schwob gefällt die Idee, alten Gegenständen ein neues Leben zu geben. Seine Inspiration sind die Schweizer Künstler Bernhard Luginbühl und Jean Tinguely. Dem Letzteren ist in Basel ein eigenes Museum gewidmet und seine Kunst schmückt auch die Wände der Hörberatung.
Vom Beruf zur Berufung
Grundsätzlich ist Christoph Schwob in seinem Beruf für das Technische zuständig. Hörgeräteakustik hat viel mit Mathematik, Physik und Handwerk zu tun. Trotzdem sei das Schönste an seiner Arbeit die Beziehung, welche er zu seinen Kundinnen und Kunden aufbaue. Wenn er Karten, Briefe oder Bilder bekomme von Klienten die heiraten, Eltern werden oder eine Ausbildung abschliessen, mache ihn das Stolz.
Er ringt nach einem anderen Wort als «Demut», um sein Gefühl zu beschreiben: «Es ist das Wunder, was mit Technik, Empathie und der erstaunlichen Anpassungsfähigkeit des Gehirns möglich ist».
(Januar 2023)